Von Merowingern, Trojanern und Moskowitern

Lenin gesehen. Die Merowinger bestaunt. Den Schatz des Priamos bewundert. Die Kathedralen der Unterwelt bereist. Zu den Stalin-Kathedralen aufgeschaut. Die neuen Jungfrauen und die bereits Gestorbenen besucht. Viel über Iwan und die Romanows gelernt. An der Kreml Mauer die toten Staatschefs der untergegangen UDSSR gewürdigt. Durchgezählt und festgestellt, dass die Grabsteine aller verblichenen Staatsführer mit vier Plastik-Nelken geschmückt sind, nur Väterchen Stalin hat zusätzlich noch eine Plastik-Rose. Viele Eindrücke, die jetzt erst mal verdaut werden müssen.

“Man muß den Russen Zeit geben. Dann zeigen sie ihre freundliche Seite hinter dem ruppigen Äußeren”. So stand es im Reiseführer. In drei Tagen ist dafür nicht viel Zeit. Also bleiben viele oberflächliche Eindrücke: Unfreundliche Bedienungen, herrische Bedienstete in Museen, Metro oder Geschäften und finster drein blickende Sicherheitsbeamte. In einer Stadt, die mit 12 Millionen Einwohnern vor allem Weltstadt sein möchte, gilt als “Welt” immer noch der gesamte ehemaligen Ostblock, der weder englisch sprach noch Probleme hatte, kyrillische Buchstaben zu entziffern. Zwar protzen nach außen Prada, Versace und eine nie gesehene Porsche Cayenne Dichte mit Internationalität, aber nicht erst bei der ausschließlich kyrillischen Beschriftung der Museumsexponate wird einem klar, dass es damit nicht so weit her ist.

Natürlich haben wir auch freundliche Menschen getroffen. Ohne Hilfe freundlicher Moskowiter, die englisch oder manchmal sogar deutsch sprechen, kommt man oft nicht weiter. Und wenn freundliche Russen nicht helfen, dann hilft Geld. Auf der Strasse wird man direkt von offiziellen Stadtbeamten mit Ausweis darauf hingewiesen, dass 300 Rubel hilfreich wären, wenn man nicht eine Stunde in der Schlange vor dem Leninmausoleum stehen will.

Dennoch: Moskau ist eine Reise wert. Und auch bei Paris und London hatte ich beim ersten Mal so meine Schwiergkeiten. Unvergesslich bleiben die Eindrücke vom historischen Zentrum, vom Roten Platz und den goldenen Kuppeln dieser Stadt.

2 Responses to “Von Merowingern, Trojanern und Moskowitern”


  • ich halte das für ziemlich arrogant. Auch die Pariser weigern sich englisch zu sprechen, und die Amerikaner halten sich schließlich auch für den Mittelpunkt der Welt.

  • Lieber Moskaufreund, ich will ja niemandem zu nahe treten, aber da gibt es schon einen wesentlichen Unterschied. Lieber werde ich oberflächlich, aber extrem freundlich und zuvorkommend von Leuten in den USA empfangen, die dann aber keine Ahnung haben wo Moskau oder Berlin liegt, als hochaggressiv von Kellnern angeschnauzt, weil ich kein Russisch kann. Ich will den Russen ja nicht ihre tief innewohnende Freundlichkeit absprechen, aber es ist anstrengend, diese erstmal rauskitzeln zu müssen nach der ersten Rüpelei.
    Und ja, auch die Pariser sprechen nur französisch. Aber die Besucher aus Russland können das lateinische Alphabet – umgekehrt gilt das nicht.

Leave a Reply