Liebe, Drama, Wahnsinn

Seebühne Bregenz

Tosca, Geliebte des Malers Cavaradossi und bekennende Zicke, eröffnet das Drama um Liebe, Macht und Tod womit? Ist doch klar: Mit einer Eifersuchtsszene, die sich gewaschen hat. Cavaradossi hatte eine beliebige dahergelaufene Kirchenbesucherin als Modell für seine Fresken genutzt und nicht seine Geliebte Tosca. Eindeutiges Indiz: Die Dame an der Decke hat blaue Augen! Tosca hat – natürlich – braune Augen. Wer die Dame wirklich war, wen Cavaradossi in Wirklichkeit versteckte, und warum der Bösewicht Scarpia ihn sterben läßt, dass alles erfährt man auf spektakuläre Art und Weise nicht am sondern auf dem Bodensee – bei den Bregenzer Festspielen.

Das überdimensionale Auge starrt das Publikum die ganze Zeit an, im Auge spielen sich die wahren Dramen ab. Folter, Vergewaltigung, Mord, Hinrichtung – und schließlich Toscas Tod. Nebenbei wandelt sich Scarpias Monarchie in einen modernen Überwachungsstaat mit unzähligen Agenten, die in direkter Linie von Agent Smith abstammen könnten. Toscas Auge, das Auge der Gräfin Attavanti oder das Auge des Staates – nie war so viel Auge.

Ich bin kein Opernkenner. Ich habe einiges Lob und auch grobe Verrisse gelesen – aber ich kann nur sagen: Mich hat es gefesselt. Keine Spur zur poppig war es für mich, und auch das Bühnenbild hat nicht von der künstlerischen Leistung abgelenkt. Ich habe mitgelitten und gebangt. Und habe schließlich begeistert die unglaubliche Seebühne in Bregenz verlassen. Ein wirklich unvergesslicher Eindruck.

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