Sag, wie hälst Du´s mit der Religion

In Berlin geht es mal wieder um die Freiheit. Das Volk darf abstimmen, das plebiszitäre Element soll wieder ordentlich gestärkt werden. Aber egal, ob Flughafen Tempelhof oder das Thema Ethik und/oder Religion als Unterrichtsfach – in Berlin geht es immer um die Freiheit.

Die konservative Seite, die auch die Schließung von Tempelhof als Angriff auf die Freiheit geißelte, vertritt nun auch die Meinung, dass Ethik als Pflichtfach und Religion als Wahlfach den Berliner Schülern die Freiheit nimmt – obwohl genau genommen die Freiheit, am Religionsunterricht in den Klassen 7 bis 10 teilzunehmen, heute genau so gelten soll wie bisher. Insofern ist das ganze werbewirksame Gerede über die Freiheit volksverdummend.

Meine erste Reaktion dann auch: So ein quatsch. Meine Kinder wurden schon von der ersten Klasse an in drei Gruppen geteilt. Gruppe 1 marschiert im Gänsemarsch zum katholischen Religionsunterricht, Gruppe 2 bleibt in der Klasse und genießt den evangelischen Katecheten – und Gruppe 3 erhält Ethik-Einweisung. Spätestens dann, wenn klar wird, dass Gruppe 3 – wie sagen wir es korrekt – fast ausschließlich aus Kindern mit Migrationshintergrund besteht, neigen auch praktizierende Atheisten und Agnostiker dazu, ihre Kinder schnell in eine der konfessionell gebundenen Gruppen zu stecken. So viel zur gemeinsamen Wertevermittlung, auch zwischen den Konfessionen.

Wie diese Entwicklung und nun die Initiative Pro Reli das Zusammenleben in unserer multikulturellen Gesellschaft durch Förderung gemeinsamer Werte erleichtern soll, ist fraglich. Pro Reli argumentiert, dass sich Gruppe 1 bis 3 dann ja wieder auf dem Schulhof trifft und über gemeinsame Werte diskutieren kann – naiv, wenn man sich erinnert, was man selbst so auf dem Schulhof getrieben hat.

Nun soll am Sonntag entschieden werden, ob das Unterrichtsfach Ethik verbindlich für alle Schüler diese gemeinsame Wertegrundlage schaffen soll – die Teilnahme am Religionsunterricht bleibt wie gehabt freiwillig.

Die Kirchen fürchten nun zu recht, dass die freiwillige Teilnahme am Religionsunterricht zu weiterhin stark schwindenden Schülerinteresse führen wird. Die Gruppe der nicht praktizierenden Christen wird umso eher die Kinder abmelden. Und viele andere Eltern werden ebenso handeln vor dem Hintergrund des Drucks, der heute schon in Grundschulen auf den Schülern lastet durch PISA und der um ein Jahr verkürzten Schulzeit zum Abitur. Dass es dabei um die Freiheit geht, kann ich aber nicht erkennen. Es geht um den schwindenden Einfluß der Kirche in unserer säkularen Gesellschaft.

Soweit konnte ich mich dann auch nicht mit Günther Jauch, Tita von Hardenberg und anderen Promis, die momentan in Berlin auf hunderten Plakaten für die vermeintliche Freiheit kämpfen, identifizieren.

Seit ZensUrsula von der Leyens Plan, dem populistischen Drängen nach Sperrung von Kinderporno-Sites auf Basis der völlig falschen Annahme eines angeblichen Millionengeschäfts im Netz nachzugeben und damit zur klammheimlichen Freude von BKA und Co. ein Infrastruktur zur weiteren Kontrolle des Bürgers im Netz aufzubauen, hat sich für mich allerdings auch eine neue Sichtweise auf das Problem ergeben:

Der gemeinsame Ethikunterricht soll gemeinsame Werte für alle Schüler vermitteln. Aber wer bestimmt, was ethisches Handeln ist? Wer schreibt dies in Unterrichtsinhalten fest? Per Definition wird dies wohl Vater Staat sein. Einen ideologischen Fixpunkt wie im christlichen Glauben wird es dann nicht geben. Wer an der Macht ist, bestimmt, was als ethisches Handeln unseren Kindern nahegebracht wird.

Jetzt werde ich nicht ernsthaft behaupten, dass auch unter dem Deckmantel der christlichen Botschaft von der Kirche Ideologien verbreitet wurden und werden. Aber es gibt doch immer wieder einen Fixpunkt, auf die ein Christ letztendlich zurückkommt, eine Basis einer mehr als 2000 Jahre alten Heilslehre, auf der unsere europäischen Moralvorstellungen beruhen.

Was macht mich nun nachdenklich? Es ist die Möglichkeit, dass staatliche Institutionen den Einfluß auf ein Unterrichtsfach Ethik auch missbrauchen könnten. Ist die Plattform erst einmal geschaffen, kann sie für gute und für weniger gute Zwecke genutzt werden. Das gilt hier ebenso wie für die Zensur-Pläne der Bundesregierung, die erstmal mit einer guten Absicht daherkommen – und später durch beliebig erweiterte Sperrlisten und Auswertungen zur Freude des BKA eine neue Grundlage für staatliche Informationskontrolle liefern.

Und es ist nicht einmal abwegig, auch einen Vergleich wie das LKW-Maut-System zu ziehen, bei dem alle Beteiligten immer wieder beteuern: „Niemand hat die Absicht eine PKW Maut einzuführen.“ Die Zeiten werden sich aber ändern. Und dann steht die Plattform auch für diesen Zweck bereit. Derartige Beispiele lassen sich sicher noch viele finden.

Insofern schwindet meine Abneigung gegen Pro Reli ein wenig. Vielleicht würde ich mir wünschen, dass der Lehrplans eines Ethik-Pflichtfach von vielen Interessengruppen mitgetragen und gestaltet werden kann – ganz besonders von den christlichen Kirchen. Ich vertraue an dieser Stelle mehr der christlichen Lehre als dem Staat als Vermittler der Werte unseres Zusammenlebens.

Für morgen werde ich meine vorgefasste Meinung wohl nochmal überdenken.

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