Codename Hannover

Kolumne zum IBM Technival Forum in Hannover, veröffentlicht im Groupware Magazin, 05/2005

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Codename Hannover
von Alexander Kluge

Neulich lud IBM mal wieder nach Hamburg (keine Angst, das mit Hannover klären wir später). Also, ich fahre nach Hamburg, um mir anzuhören, wie böse Microsoft ist und wie wir es denen in Redmond mal ordentlich zeigen können. Natürlich komme ich zu spät. In Hamburg gib es nämlich nur Einbahnstraßen. Und man darf nirgendwo wenden. Überhaupt ist mir die Strassenführung in Hamburg suspekt. Da wechseln sogar die Einbahnstrassen ja nach Tageszeit die Richtung. Was man von IBM durchaus auch behaupten kann. Hier wird auch alles Nase lang die Richtung, das Management oder die Lizenzpolitik gewechselt. Mal heißen die Produkte so, dann mal wieder anders, und wenn es nicht geklappt hat, denn rudern alle zurück. Wir Berliner sagen dazu „Rinne inne Kartoffeln, raus ausse Kartoffeln“. Aber das mit den Berlinern klären wir später.

Nachdem ich also ca. 27 Sicherheitsschleusen passiert habe, stürme ich in den Raum – und: Da sind sie wieder alle. Die lieben Kollegen, die immer da sind. Gerade haben wir uns noch auf der DNUG und der Hilfs-Lotusphere „IBM Technical Forum“ in Hannover gesehen, schon treffen wir uns wieder. Mir scheint, als sei auch schon die IBM Business Partner Gemeinde auf ein gesundes Mittelmaß zusammengeschrumpft. Kaum neue Gesichter – und vielfach noch die alten Denkweisen. Und eine bewundernswerte Frustrationstoleranz gegenüber den Kapriolen der großen IBM.

Von Hamburg nach Hannover

Apropos Mittelmaß (Achtung, lieber geneigter Leser, jetzt kommt der gekonnte Schwenk zum Thema): Hannover. Zwei mal im Jahr fühlt sich der Hannoveraner bekanntermaßen als Nabel der Welt, wenn die „Industrie“ und die „CeBIT“ den provinziellen Dämmerschlaf durchbrechen. Dann werden auch in Hannover plötzlich mehrspurige Autobahnen zu Einbahnstraßen gemacht, damit alle den Weg in die Hallen und damit in die Zukunft finden. Das hat Weltniveau. Aber wirklich nur Zweimal im Jahr? Nein, in diesem Jahr waren aller guten Dinge drei.

IBM hat sie nämlich alle nach Hannover zur IBM Technical Conference geschickt. Alle? Ja, fast alle. Nicht nur die üblichen Verdächtigen, nein, auch die Top-IBM Referenten einschließlich des Chefs der Software Group, Ambuj Gojal. Und was sonst nur im gut klimatisierten Dolphin-Hotel des Walt Disney Ressorts in Orlando im Januar geschieht, fand diesmal in einem unklimatisierten Saal eines mitteldeutschen Konferenzzentrums statt: Ambuj Gojal enthüllte den neuen Notes Client. Nein, selbstverständlich nicht live. Gezeigt wurden wunderschöne Screenshots, die Hunger auf mehr machen. Doch das Produkt hat jetzt ein Gesicht bekommen, und bis zum nächsten IBM typischen Release als selbstablaufende Demo wird dann sicher nur ein halbes Jahr vergehen.

Codename Hannover

Wie es sich gehört, hat dieses Projekt auch einen Namen bekommen: Codename „Hanover“. Oder „Hannover“. So recht wussten das die Referenten aus Amerika auch nicht. Aber vermutlich müssen wir ja froh sein, dass sie überhaupt den Weg hierhin gefunden haben. Natürlich führte dieser Codename zu dem immer wieder in Stammtisch-Manier wiederholten Running Gag: „Was kommt nach Notes 7? Hangover!“ – Brüllendes Gelächter und Schenkelklatschen mit eingeschlossen.

Als vor zwei Jahren auf der Lotusphere diverse Prototypen auf dem Weg in die glorreiche J2EE Zukunft vorgestellt wurden, hörte ich Codenamen wie Atlanta, Seoul, Barcelona oder Moskau. Diese Prototypen bildeten die Grundlage für den Workplace Tsunami, der uns gerade überrollt. Aber das waren wenigstens noch ausgewachsene Städte, in denen man auch morgens um 7:00 nach durchzechter Nacht ein anständiges Frühstück bekommt. In Hannover sieht das anders aus.

Warum nur Hannover?

Neulich entdeckte ich bei einer meiner Lieblings-Disziplinen, dem „Freien Surfen“, eine schöne Seite namens „GoogleFight“. In einer Zeit, in der die Wichtigkeit der Dinge nur noch durch die Trefferhäufigkeit von Google bestimmt wird, ist dies ein hilfreiches Werkzeug zur Orientierung. Als Berliner trägt man ja eine Art „Weltstadt Möchtegern Komplex“ mit sich herum, also fluchs mal den Vergleich angestellt. Dabei deklassiert Berlin mit 54.600.000 Treffern den kleinen Konkurrenten Hannover mit lediglich 7.830.000 Treffern deutlich. Atlanta setzt mit 57.400.000 Treffern noch einen drauf, aber auch Barcelona (23.800.000 Treffer) und Seoul (9.890.000 Treffer) setzen sich klar gegen Hannover durch.

Nun, will ich ja den armen Hannoveranern gar nichts böses. Immerhin gibt es dort einige engagierte Lotus, nein IBM Partner, die sich durch besonders gute Parties zu CeBIT Zeiten auszeichnen und deren Gast ich auch weiterhin sein möchte. Aber was ist denn nun die Kernbotschaft von „Hannover“?

Der Hannover Client

Auf der Lotusphere 2006 werden wir in den Labs vermutlich den Prototypen eines voll in Eclipse Rich Client Technologie entwickelten Notes Clients sehen. Während in der heute nur beschränkt verfügbaren Rich Client Version, dem IBM Workplace Managed Client, Lotus Notes 7 lediglich als Plugin in einer isolierten Umgebung läuft, aber keine großartigen Interaktionen mit anderen Eclipse oder Workplace Anwendungen durchführen kann, wird dies in Hannover möglich sein. Erst dann schließt sich wirklich der Kreis und eine Integration von Workplace und Domino Technologie findet nahtlos im Frontend statt – IBM spricht hier von einer Client Middleware. Das bedeutet dann auch: Wirklich hilfreiche Tools wie der Activity Explorer sind dann für alle Notes-Anwendungen, insbesondere Mail, offen und nutzbar. Eine großartige Sache, wenn da nicht noch einige kleinere Hindernisse wie eine große Zahl fehlender Offline-Funktionalitäten in der Eclipse RCP Plattform oder der enorme Ressourcenbedarf des Workplace Managed Clients wären. Aber das löst sich ja alles mit der Zeit. Und wenn man schon das Bestellformular für die Speichererweiterung der Workplace-Server auf ein Minimum von 4 GB ausgefüllt hat, um die zusätzlichen 512 MB RAM auszugleichen, die allein der Messaging Dienst von IBM Workplace beansprucht, dann kann man ja gleich alle Notebooks auch auf 1 GB Arbeitsspeicher hochrüsten.

Spannend wird dann noch die Frage, ob das, was da als „Hannover“ daher kommt, auch wirklich als Lotus Notes 7.5 oder 8.0 in die Annalen eingehen wird. Vielleicht wird es ja doch ein Workplace Managed Client der Version 4.0?


Raider, Twix, Raider – und zurück

Viele Zeichen deuten allerdings darauf hin, dass der Herr des Marketing Hirn hat regnen lassen. Denn seit Hannover heißt IBM Lotus Team Workplace (jämmerliche 6.380 Treffer) wieder Quickplace (183.000 Treffer) und IBM Lotus Instant Messaging and Webconferencing (133 Treffer) wieder Sametime (77.900 Treffer). Das war ja auch irgendwie schon immer so. All die Millionen Werbeetat sind verpufft, keiner wollte es lernen, nicht mal die IBMer selbst. IBM liegt damit voll im Trend, schließlich heißt jetzt PalmOne auch wieder Palm – und vielleicht auch Twix bald wieder Raider..

Bis dahin reiten wir weiter fröhlich die Workplace Welle. Der Kampf gegen „Microsoft Sharepoint“ (2.310.000 Treffer) ist schon locker gewonnen mit „Workplace Services Express“ (2.710.000 Treffer), ebenso wie der Kampf Lotus Notes (2.740.000 Treffer) gegen Microsoft Exchange (2.680.000 Treffer) schon lange gewonnen ist.

Kehrwoche

Nicht weit von Hannover werden ja gerade bekanntermaßen gerade die „Treppen von oben nach unten gekehrt“. Ambuj Gojal hatte in den letzten Jahren ähnliches tun müssen, um das Erbe von Al Zollar anzutreten, der die gesamte Lotus-Kundschaft durch seine WebSphere „Next Generation“ Marketing-Botschaft auf Jahre verunsichert hatte. Ambuj hat für diese Arbeit allerdings eher vorsichtig den Handfeger aus dem Putzschrank geholt als einen ordentlichen Reisigbesen zu nehmen – und überhaupt fragt man sich, ob er es nicht lieber wie Herakles hätte halten sollen und gleich den ganzen Fluss durch den Sau- nein Augiasstall spülen lassen sollte. Dann wären wir heute weiter und müssten nicht selbst im Versionsstand 2.5 noch unsere Kunden darauf hinweisen, dass Workplace nicht unbedingt für den flächendeckenden Produktiveinsatz gedacht ist. Und auf „Hannover“ werden wir wohl noch bis 2007 warten müssen.

Wie wäre es mit Castrop-Rauxel?

Ehe ich wieder viele Schmähbriefe bekomme: Ich persönlich habe doch gar nichts gegen Hannover. Sowohl als Produkt als auch als Stadt sieht es durchaus brauchbar aus. Aber wohin soll denn das noch führen? Wenn IBM nun auch die Codenamen „von oben nach unten“ durchkehrt, und dabei nahtlos von Atlanta, Moskau und Barcelona auf Hannover übergeht, so hat man uns Berliner einfach übergangen. Und das schmerzt doch sehr. Nicht zuletzt, weil zu befürchten ist, dass IBM bei der Namens-Kehrwoche irgendwann ganz unten ankommt. Und die Wiederauferstehung von „Raven“ möchte ich nicht unter dem Codenamen „Castrop-Rauxel“ erleben.

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