Monthly Archive for July, 2018

Fintech Startup Idea vs. Market

Madame Bovary oder wie ich lernte, die digitale Ruhe zu lieben

 

Weitblick mit @netzabine #südtirol #bergromantik #latergram #schatzerhütte

Ein Beitrag geteilt von Alexander Kluge (@alecmcint) am

Neulich war Urlaub. Aber: früher war alles besser. Vor allem die Ruhe im Urlaub. Mein Vater rief damals in den Familienurlauben seine Sekrertärin einmal pro Woche aus einer Telefonzelle am Urlaubsort an, ob irgendetwas wichtiges anlag. Sonst waren wir einfach nicht erreichbar. Ja, das war alles vor VUCA und Digitalisierung, und nein, ich bejammere unser digitales Schicksal nicht, ich stelle nur fest: Früher war Ruhe im Urlaub.

Als ich dann groß, erwachsen und selbständig war, kam schon bald e-Mail und mobiles Internet, und plötzlich war Schluss mit Ruhe im Urlaub – man konnte ja jetzt von überall kommunizieren, antworten, reagieren. Das Mittel der Wahl für den Frieden: Out-of-Office Agent anschalten, Vertretung benennen, wegfahren. Sich im Zweifel eine SMS schicken lassen.

Dann kam das ganze social Gedöns, privat und beruflich kaum noch auseinanderzuhalten, dutzende Kanäle. Vor zwei Jahren diskutierten wir an dieser Stelle “Kanal voll“. Nein, es liegt nicht an unserer digitalen Demenz und der Tyrannei der Technik. Es liegt an uns Menschen und unseren Erwartungen an und Einstellungen zu Zusammenarbeit und Kommunikation, wenn wir uns tyranniseren lassen wollen. Aber diese Erkenntnis allein hilft nicht, wenn man die eingetretenen Pfade der Daueraufmerksamkeit und Permanenterregung mal verlassen möchte.

Ganz konkret nun also aus dem aktuellen Urlaub: Wie nun umgehen mit dem freien Blick auf die Berge? Hier die Liste der Klugen Maßnahmen:

 

Notifications

Benachrichtigungen ausschalten für eine Reihe von Applikationen: Twitter, LinkedIn, Facebook. Keine Ungelesen-Zahlen mehr. Keine Benachrichtigungen auf dem Home-Screen. Die Folge: Man muss dann schon aktiv die Applikation öffnen und nachschauen, ob was ist. Die Oberfläche vermittelt plötzlich nicht mehr das Bedürfnis, dringend etwas nachschauen zu müssen.

Ganz konsequent abgeschaltet sind die Benachrichtigungen bei den social Apps nicht: WhatsApp als Familienkanal durfte weiter melden, das war mir wichtig. Vorteil für mich: Im Gegensatz zur Gattin gibt es in WhatsApp bei mir kaum berufliche Dialoge.

Wirkung: Sehr gut. 
Nachhaltigkeit: Einstellungen auch nach dem Urlaub beibehalten.

 

Out of office

Ankündigen, dass man mal weg ist, hilft auch. Wie sollen die anderen denn wissen, dass ich die Notifications alle abgeschaltet habe. Also: Abwesenheitsagent in Mailbox aktiviert. Check. Die digitalen Kanäle, auf denen man von mir eine Reaktion erwarten könnte, mit einer Statusmeldung bestücken. Check.

Wirkung: Mässig bis gut.
Nachhaltigkeit: Nach Rückkehr deaktiviert.

Grayscale

“Is the Answer to Phone Addiction a Worse Phone?” fragt die New York Times. Da war ich eher skeptisch. Aber es stimmt. Jetzt fehlen nicht nur die roten Ungelesen-Markierungen – das monochrome Layout lenkt nur noch den Blick auf textliche Inhalte. Bilder und Videos machen so eh keinen Spaß mehr. Und draussen ist jetzt das wahre bunte Leben.

Wirkung: Gut. Aber wenn man gerne Bilder macht mit dem Telefon, muss man plötzlich in Schwarz-Weiß denken.
Nachhaltigkeit: Bin derzeit wieder in Farbe unterwegs, könnte sich aber nochmal ändern.

 

Madame Bovary

Flaubert? Ja, Flaubert.

Ankunft in der Schatzerhütte, 2000 Meter Höhe, irgendwo zwischen Würzjoch und Brixen. Ein Balken und “E”. Also so gut wie offline. Die Lücken in der mobilen Breitbandversorgung sind durchaus hilfreich. Zumindest dann, wenn man dieses breite Band ja gerade nicht will.

Die Gattin hatte ihren Tolino dabei, den sie aber nicht vorher, als noch Netz war, betankt hatte. Die Folge: Keine Management-, Digitalisierungs-, #FutureOfHR-Literatur, sondern nur das vorinstallierte Buch: Madame Bovary. Gustave Flaubert. Meine Güte, hat uns das Spaß gemacht an den Abenden auf der Alm.

Wirkung: Gigantisch

Nachhaltigkeit: Schlecht. Zu Hause ist überall Empfang. 

 

Fazit? Dass man überhaupt über eine Woche Media-Diät reden muss, ist ja schon absurd. Nichts haben wir verpasst, die Welt hat sich ohne LinkedIn Kommentare und Retweets wunderbar weitergedreht. Menschen, die etwas von mir wollten, haben die Abwesenheitsnotiz gelesen und sich später gemeldet. Wir haben Madame Bovary gelesen und Sonnenuntergänge angestarrt. Und auch eine Woche später fühlte sich der Abstand zu den Threads, die die Welt zu bedeuten scheinen, gut an. Die Haltung versuche ich mir zu bewahren, das scheint gesund. 

 

Nachtrag:

Halt. Einen Kanal hatte ich vergessen: Telefon. Während alle Anliegen offenbar auch mal eine Woche Zeit hatten, hatte ein Geschäftspartner diese Zeit offenbar nicht. Er schrieb keine Mail, keine SMS, keine WhatsApp. Er rief an. Er sagte nicht, worum es geht. Er bekam keinen Rückruf, sondern eine SMS mit der Bitte um Mitteilung, um was es geht und wie dringend es ist. Ich werde es wohl nie erfahren. Dann wegen mangelnder Reaktion da oben auf der Alm bekam ich eine unschöne Quittung. Schon komisch, dass genau dieser Kanal offenbar sofortige Reaktion verlangte. Schade.