Spaltpilz e-Mobilität

Neulich in einem Meeting mit Top Managern. Es geht um Disruption, Transformation, wie das Neue in die Welt kommt. Jemand sagt Car Sharing. Irgendwann fällt Kohleausstieg. Die Diskussion wird innerhalb von Minuten emotional. „So ein Schwachsinn, diese e-Mobilität!“ hört man es raunen. Einer der Top Manager wird deutlich: Man habe sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und nach intensiven Recherchen ganz bewußt entschieden, die anstehende Fuhrpark-Erneuerung ausschließlich mit Diesel zu bestreiten – das sei nachweislich immer noch die umweltfreundlichste Alternative. Punkt.

Schweden-Studie. Kobalt. Kinderarbeit. Alles nur eine Hipster-Mode aus Berlin. Ich habe mittlerweile aufgegeben zu argumentieren. Ich kenne momentan kein Thema, das so polarisiert wie die e-Mobilität. Gut, das Gender-Sternchen könnte vielleicht noch ähnliche Wallungen erzeugen.

Die Wirtschaftswoche hat sich jetzt dankenswerterweise des Thema angenommen und zumindest ein paar gängige Mythen entmystifiziert, indem sie einfach simpel nachgerechnet hat. Zum Beispiel beim Thema CO2 Ausstoß:

Das bedeutet: Geladen mit konventionellem deutschen Durchschnittsstrom ergibt das 7,9 Kilogramm CO2 je 100 Kilometer. Das ist rund die Hälfte dessen, was ein kleiner, sparsamer Diesel erzeugt und weniger als ein Viertel des CO2-Ausstoßes eines hochmotorisierten Benziners im Alltagsbetrieb. Mit Ökostrom betankt, fährt das E-Auto sogar klimaneutral.

Auch die von e-Auto-Hassern gerne zitierte „Schweden-Studie“ ist schon längst von den Autoren selbst relativiert worden, muss aber immer noch herhalten für die Argumentation pro Diesel und Benzin.

Das ist aus einer ganzen Reihe von Gründen falsch. Erstens basieren diese Werte (17 Tonnen, 200.000 Kilometer bis zum „Öko-Break-Even“) auf einer ganzen Kette von Fehlern im Zusammenhang mit der schwedischen Studie von 2015. Die Geschichte dieser Zahl ist ein Lehrbuchbeispiel darüber, wie – unabhängig vom Thema – Fake News in die Welt kommen. Sie basiert auf aus dem Kontext gerissenen Worst-Case-Szenarien, auf in die Aktualität extrapolierten, veralteten Daten (der Strommix ist zum Beispiel inzwischen CO2-ärmer), fälschlicherweise auf Deutschland übertragenen schwedischen Größen sowie auf einfachen Übersetzungsfehlern.

Auch mit dem Thema Kobalt beschäftigt sich der Artikel und der Behauptung, dass unser Stromnetz zusammenbrechen wird, wenn plötzlich alle ihr e-Mobil laden.

Wir werden im Klugen Haushalt ab 2019 nur noch elektrisch fahren. Die Umstellung von Öl auf Elektro ist natürlich nicht die Rettung des Abendlandes, das wissen auch wir. Nur weniger Individualverkehr kann uns retten. Deshalb fahren wir Bahn wo es geht, wir haben jeder eine Bahnflatrate in Form einer Bahncard 100. Wenn wir fliegen, kaufen wir CO2 Pakete bei Atmosfair. Und in Berlin ist Carsharing mit DriveNow (wenn man uns nicht wie vor wenigen Monaten geschehen, einfach das Stadtgebiet vor der Haustür wegkürzt) die richtige Alternative, wenn Fahrrad und Öffis gerade nicht passen.

Man kann eine Menge tun. Selbst wenn man beruflich viel auf Achse ist.

In Zeiten, in denen sich immerhin ein paar Lungenfachärzte nicht zu schade sind, als Argumentationshilfe einer sich zu spät transformierenden Automobilindustrie herzuhalten, und ein Bundesminister Scheuer gegen Tempolimits und Benzin- und Dieselvernichter wettert, kann man so eine Argumentationshilfe schon mal brauchen:

-> Wirtschaftswoche „Die Mythen der E-Auto-Kritiker

-> MythbusterElektromobilität – Informationen für Interessierte aus dem Handschuhfach eines Schweizer Teslafahrers


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